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Merseburger Schlossfestspiele 2026: Festivalbericht vom 20. Juni 2026 – Piratenpogo, Honiglöffel und Heilanstalt im Schlossgarten

Der zweite Festivaltag in Merseburg setzte noch einmal eine Schippe drauf: Katerfahrt kaperten den Schlossgarten, Schöngeist brachten elegante Düsternis, Tabernis führten ins Bienenritual, Corvus Corax ließen die Menge rudern und Hämatom feierten die irre Premiere ihrer neuen „Gagamania“-Show.


Festivalplakat MSFS 2026 - Tag 2

Nach dem starken Auftakt am ersten Tag ging es bei den Merseburger Schlossfestspielen 2026 am zweiten Tag nicht weniger abwechslungsreich weiter.


Der Schlossgarten wurde erneut zur Spielwiese für alles, was zwischen Mittelalter, Folk, Gothic, Rock und maximalem Bühnenwahnsinn funktioniert.


Dieser Tag wollte nicht einfach nur laut sein.


Er wollte Geschichten erzählen, Bilder setzen

und das Publikum immer wieder in völlig andere Welten ziehen.



Katerfahrt kapern den Schlossgarten


Leinen los hieß es zum Start mit Katerfahrt.


Katerfahrt 1

Die Folk-Rock-Formation zog ihre Piraten-Nummer so konsequent und sympathisch durch, dass man sich dem Kaperzug kaum entziehen konnte. Vom ersten Song an stand da keine lose Ansammlung von Musikern auf der Bühne, sondern eine eingeschworene Crew, komplett mit Rollen, Künstlernamen und Seemannsgarn.


Katerfahrt 2

Musikalisch verbindet Katerfahrt klassische Rockbesetzung mit Geige und Flöten.

Dazu kommen mehrstimmige Chöre, die sofort nach rauer Hafenkneipe, schwindendem Rumvorrat und windigen Spelunken klingen.


Katerfahrt 3

Bei „Grog und du“ zeigte die Band sogar, dass Piraten auch romantisch können.

Eine Schunkel-Hymne mit Liebeskummer, Seefahrergefühl und genau dem

richtigen Augenzwinkern.


Katerfahrt 4

Der eigentliche Höhepunkt war aber ein völlig verpeilter Moment mitten im Set.

Als die Band einen Fan im weißen Power-Ranger-Kostüm entdeckte, geriet der laufende Song kurz ins Wanken. Statt daraus einen Bruch zu machen, verwandelte Katerfahrt die Situation kurzerhand in ein Publikumsbattle.


Katerfahrt 5

Zwei Hälften, laute Matrosenrufe, beste Stimmung.

Danach gab es bei „Sauft Matrosen um Euer Leben“ und dem „Piratenpogo“ kein Halten mehr. Circle Pit, Polonaise und „Kapitän hat immer den Größten“ machten den kurzen Auftritt zu einem der unterhaltsamsten Kaperzüge des Tages.


Katerfahrt 6


Schöngeist zeigen Düsternis mit Stil


Danach wurde es deutlich eleganter.


Schöngeist 1

Schöngeist aus München stehen für Dark Rock, der nicht über rohe Härte funktioniert, sondern über Atmosphäre, Melancholie und den starken Einsatz der Geige.

Genau das tat dem zweiten Festivaltag gut. Zwischen all der Party und Bewegung öffnete die Band einen dunkleren, feineren Raum.


Schöngeist 2

Ihr Set beschrieben Schöngeist selbst charmant als „Potpourri aus alt, neu und mittelalt“.


Los ging es mit „Unsterblich“, das sofort zündete. Mit „Zusammen Allein“, „Ich bin kein Muss“ und „Kenne mich“ zeigte die Band, wie gut deutschsprachiger Dark Rock funktionieren kann, wenn Melodie und Schwere sauber ineinandergreifen. Die Fans vor der Bühne waren erstaunlich textsicher und ließen sich von der Aura der Band schnell einfangen.


Schöngeist 3

Auch Humor hatte seinen Platz. Bei „Du Du Du“ zeigte sich, dass die Schwarze Szene durchaus lachen kann, bevor „Auge um Auge“ wieder deutlich schneidender wurde.


Besonders kurios war der Kontrast zur Umgebung: Während Schöngeist ihre elegante Düsternis ausbreiteten, brannte die Sonne den Musikern unbarmherzig ins Gesicht.


Schöngeist 4

Dass dann auch noch „Sonne der Nacht“ auf der Setlist stand, passte fast zu gut.


Schöngeist 5

Mit „Fake News“ und dem wuchtigen Klassiker „Wehe!“ endete ein Auftritt, der bewies,

dass Düsternis nicht brüllen muss, um unter die Haut zu gehen.


Schöngeist 6


Tabernis führen in den Bienenkosmos


Mit Tabernis wurde es dann richtig ungewöhnlich.


Wer normalen Mittelalter-Rock erwartet hatte, lag komplett daneben.

Die Band nahm das Publikum mit in eine düstere, fast rituelle Welt rund um Naturmystik, Bienenzucht und archaische Klangbilder.


Tabernis 1

Das klang auf dem Papier schräg, entwickelte live aber einen erstaunlichen Sog.

Schon optisch war klar: Hier zählt das Gesamtkonzept. Die Musiker traten inkognito hinter kunstvollen Imker-Masken auf und hielten ihre Identität bewusst im Verborgenen.


Tabernis 2

Musikalisch blieb es reduziert, aber wirkungsvoll:

Dudelsack, Trommel, Cello und technisch verzerrte Stimmen formten einen tranceartigen Sound zwischen Mittelalter, Waldritual und dunkler Honig-Mythologie.


Tabernis 3

Stücke wie „Sanctus“ und „Tenebrae“ brachten fast sakrale Momente, während „Sylvanot“ und „Ragna Apum“ mehr Wucht entwickelten. Gerade die monotone Davul-Trommel zog das Publikum in einen beinahe hypnotischen Rhythmus.


Tabernis 4

Gegen Ende zeigte die Band dann, dass sie trotz aller Maskerade Humor besitzt:

Mit kleinen Katapulten wurden hölzerne Honiglöffel ins Publikum geschleudert.

Wenn die Technik nicht mitspielte, flogen die Souvenirs eben per Hand.


Tabernis 5

Tabernis lieferten damit einen der eigenwilligsten Auftritte des Wochenendes:

süß wie Honig, finster wie die Nacht und komplett anders als alles davor.



Corvus Corax lassen Merseburg rudern


Wenn Corvus Corax auf die Bühne gehen, braucht es keine große Erklärung mehr.


Corvus Corax 1

Die „Könige der Spielleute“ haben die Mittelalterszene über Jahrzehnte geprägt,

und auch in Merseburg war sofort klar, warum.


Corvus Corax 2

Massive Dudelsäcke, Schalmeien und Trommeln schoben mit voller Kraft über den Platz. Dass die Band diesmal zu viert statt zu fünft antreten musste, weil Phil am selben Tag geheiratet hatte, tat der Stimmung keinen Abbruch.


Corvus Corax 3

Schon das Intro walzte mit gewohnter Spielmannsgewalt los.

Mit „Tanz, Mägdelein, tanz“ und „Komm schenket ein“ war das Publikum schnell voll dabei.


Corvus Corax 4

Besonders kurios wurde es, als Castus während eines Songs ein weißes Pulver in die Drehleier streute. Was kurz nach Alchemie aussah, entpuppte sich später als Kolophonium, also Geigenharz, damit das Instrument bei der Hitze überhaupt ordentlich spielen konnte.


Corvus Corax 5

Das Highlight des Sets war „Vikingar“. Die Band schickte die Menge gedanklich Richtung Island, und das Publikum setzte sich tatsächlich in großen Teilen auf den staubigen Boden, um im Takt zu rudern.


Corvus Corax 6

Dazu kam ein gewaltiges Horn auf die Bühne, das nur mit Unterstützung gehalten und gespielt werden konnte. Ob die Reise am Ende wirklich bei den Wikingern oder doch eher bei den Kelten landete, war völlig egal.


Nebenbei gab es von Castus noch kleine Geschichtsstunden, etwa zur Herkunft von „Prost“.


Corvus Corax 7

Weil die Sperrstunde näher rückte, verzichteten Corvus Corax auf das übliche Zugabenspiel und gingen direkt ins Finale. Mit „Venus Vina Musica“ verabschiedeten sie ein glückliches, textsicheres und ordentlich durchgerudertes Merseburger Publikum.


Corvus Corax 8


Hämatom feiern die Premiere von „Gagamania“


Zum Schluss wurde es endgültig wahnsinnig.


Hämatom 1

Hämatom feierten in Merseburg die Premiere ihrer

neuen „Gagamania“-Show und eröffneten damit lautstark ihre Festivalsaison.


Das Motto: „Willkommen in der Heilanstalt!“


Hämatom 2

Frontmann Nord begrüßte die Menge stilecht in der Zwangsjacke. Dazu liefen die Gast-Performer Jona Bergander und Abdul als Anstaltswärter über die Bühne und versuchten, die musikalischen Insassen irgendwie unter Kontrolle zu halten.


Hämatom 3

Bei „Dorf“, laut Band der härteste Song, den Hämatom je geschrieben haben, brach vor der Bühne direkt ein staubiger Circle Pit los. Kurz darauf wurde kollektiv geschunkelt und synchron nach links und rechts gesprungen, bis der ganze Platz bebte.


Hämatom 4

Bei „Tanz auf dem Vulkan“ kam Rose auf die Bühne und setzte mit einem

starken Trompetensolo einen überraschenden Akzent.


Danach fiel ein Vorhang, und als er wieder hochging, hatte sich die Bühne in einen Hochsicherheitstrakt verwandelt: Gitter, düstere Atmosphäre und Nord gefesselt

auf einem elektrischen Stuhl.


Hämatom 5

Zu „Ihr seid Mörder“ und „Wir sind Gott“ wurde daraus eine packende Inszenierung, die mit dem symbolischen Niederreißen der Gitter ihren stärksten Moment fand.


Hämatom 6

Kurz vor Schluss wurde es dann komplett absurd.

Zu „Scheiße kommt…“ verließ Schlagzeuger Süd sein Kit, setzte sich auf einen riesigen blauen Kackhaufen mit Minischlagwerk und ließ sich crowdsurfend über die Köpfe tragen.


Hämatom 7

Das Finale mit einem Medley aus „Remmidemmi“, „Bilder im Kopf“ und „Bleib in der Schule“ eskalierte dann endgültig.


Pflegepersonal, Gast-Performer, Band, Publikum: alles drehte durch.


Hämatom 8

Hämatom sind zurück, härter, schräger und verrückter denn je.


Hämatom 9

Die Premiere saß.




©Text: Saskia Giedow-Luboch

©Fotos: Stephan Sieger & Jan Haller (@loewenzahn_media)



Ein ganz besonderes Dankeschön geht an die Stadt Merseburg, die Veranstalter, Aussteller sowie die zahlreichen Helferinnen und Helfer, die mit ihrem unermüdlichen Einsatz dafür gesorgt haben, dass die Merseburger Schlossfestspiele 2026 erneut zu einem außergewöhnlichen Erlebnis wurden.

Hinter den Kulissen wurde mit viel Herzblut, Leidenschaft und Professionalität gearbeitet

– und genau das war an allen drei Tagen spürbar.


Solche partnerschaftlichen Zusammenarbeiten tragen maßgeblich dazu bei,

Konzerterlebnisse journalistisch begleiten und mit unseren Leserinnen und Lesern teilen zu können.

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