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SCHANDMAUL – „Sternensegler“ Review: Neuer Kurs, vertraute Sterne

Das erste Album mit Till Herence am Mikrofon muss einen schwierigen Übergang bewältigen. Statt die eigene Geschichte umzuschreiben, setzen Schandmaul auf vertraute Stärken, einige überraschend deutliche Texte und einen Sänger, der gar nicht erst versucht, Thomas Lindner zu kopieren.



Tracklist:

1. Nimm alles mit

2. Sternensegler

3. Beide Füße in der Luft

4. Flagge

5. Nosferatu

6. Wo Sprache aufhört

7. In der Hand

8. An beiden Enden

9. Lass nicht los

10. Trag Dich

11. Zwei Raben feat. Laura Fella



Veröffentlichungsdatum: 11. September 2026

Label: Napalm Records

Genre: Folk Rock / Mittelalter-Rock


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Fazit der Redaktion:

„Sternensegler“ hatte keine einfache Aufgabe. Ein Sängerwechsel nach so vielen Jahren lässt sich nicht einfach mit einer neuen Stimme abhaken, erst recht nicht unter den Umständen, die dazu geführt haben. Schandmaul gehen damit erstaunlich unaufgeregt um.


Till Herence versucht nicht, Thomas Lindner zu kopieren. Seine hellere, glattere Stimme verändert den Charakter der Band hörbar und wird sicherlich nicht jedem langjährigen Fan sofort gleichermaßen gefallen. Gerade bei „Nimm alles mit“, „Flagge“, „An beiden Enden“ und „Zwei Raben“ zeigt sich aber, dass diese neue Konstellation sehr gut funktionieren kann.


Am stärksten ist das Album ohnehin dort, wo Schandmaul nicht nur auf vertraute Melodien und schöne Bilder setzen. „Nimm alles mit“ trägt spürbare Schwere und Hoffnung zusammen, „Flagge“ bezieht unmissverständlich Position und „Zwei Raben“ gibt dem Album einen starken, emotionalen Abschluss.


Einige ruhigere Stücke bewegen sich dagegen etwas zu sicher in bekannten Trost- und Balladenmustern. Und wer sich einen mutigeren musikalischen Neuanfang gewünscht hat, dürfte stellenweise mehr Veränderung vermissen.


Trotzdem ist „Sternensegler“ weit mehr als eine Übergangslösung. Schandmaul halten an ihrer Geschichte fest, ohne so zu tun, als hätte sich nichts verändert.


Der neue Kurs ist gesetzt – und die vertrauten Sterne zur Orientierung sind noch da.



"Sternensegler zeigt Schandmaul zwischen Abschied und Aufbruch

– emotional, vertraut und bereit für ein neues Kapitel."



Was bekommen wir auf die Ohren?


Bei „Sternensegler“ lässt sich die personelle Veränderung nicht einfach als Randnotiz behandeln. Till Herence steht erstmals bei einem kompletten Schandmaul-Studioalbum am Mikrofon. Nach all den Jahren mit Thomas Lindner ist das zwangsläufig eine Umstellung – und zwar eine, die man vom ersten Song an hört.


Herence singt heller und glatter, seine Stimme hat weniger von jener knorrigen Erdigkeit, die sich über Jahrzehnte mit Schandmaul verbunden hat. Das verändert vor allem die erzählerischen Stücke. Wo Lindner manches fast wie eine Geschichte am Lagerfeuer vorgetragen hat, klingt Herence melodischer und beweglicher. Manchmal fehlt dadurch ein wenig von der alten Rauheit, an anderen Stellen öffnet die neue Stimme den Songs aber auch Türen.


Entscheidend ist: Er versucht nicht, Thomas Lindner nachzumachen.

Genau das wäre vermutlich der größte Fehler gewesen.


Folk, Rock, mittelalterliche Instrumentierung, große Melodien und Geschichten bilden weiterhin das Fundament. Wer hier einen radikalen Neustart erwartet, wird ihn nicht bekommen. Dafür wirkt das Album erstaunlich geschlossen für eine Platte, die unter solchen Voraussetzungen entstanden ist.


„Nimm alles mit“ – Aufbruch ohne falsche Fröhlichkeit

„Nimm alles mit“ ist als Einstieg sehr gut gewählt. Der Song erzählt vom Weg aus einer dunklen Phase zurück ins Leben, macht daraus aber keine dieser einfachen „Alles wird gut“-Botschaften. Die Vergangenheit wird nicht weggewischt. Sie gehört dazu, soll aber nicht darüber bestimmen, was danach kommt.


Gerade vor dem Hintergrund der vergangenen Jahre bekommt das natürlich zusätzliches Gewicht, ohne dass man jede Textzeile zwingend autobiografisch lesen muss.

Till Herence findet hier schnell seinen Platz. Seine hellere Stimme passt gut zum befreienden Charakter des Refrains, während die Instrumentierung genügend

vertraute Schandmaul-Farben liefert.


Das Stück beginnt nicht mit demonstrativer Neuerfindung, sondern vermittelt eher:

Wir sind noch da, es geht weiter.

Das ist für dieses Album wahrscheinlich die wichtigere Aussage.


„Sternensegler“ nimmt anschließend den Blick vom Boden und richtet ihn nach oben. Gemeinsames Staunen, Nähe und ein kurzer Moment außerhalb des Alltags bilden das Zentrum. Der Song ist leicht, melodisch und deutlich zugänglicher als der Opener.

Das titelgebende Bild funktioniert dabei gut, weil Schandmaul es nicht mit Symbolik überladen. Es geht weniger um große Fantasy als um das Bedürfnis, für einen Moment gemeinsam woanders zu sein.



Galgenhumor und eine klare „Flagge“

Mit „Beide Füße in der Luft“ kommt Bewegung in die Platte.

Taschenspieler, Betrug, Flucht und drohender Galgen – das ist wieder stärker jene erzählerische Schandmaul-Seite, bei der eine kleine Geschichte innerhalb weniger Minuten funktionieren muss.


Herence macht dabei eine gute Figur. Er erzählt lebendig, der Song geht flotter nach vorne und der schwarze Humor verhindert, dass das Ganze zur biederen Mittelaltergeschichte wird. Auch musikalisch darf es härter werden. Nach den beiden eher offenen ersten Nummern tut diese zusätzliche Kante gut.


Noch wichtiger ist „Flagge“.

Schandmaul beziehen hier klar Stellung gegen Hass, Ausgrenzung, Spaltung und geschichtsvergessene Parolen. Der Text versucht gar nicht erst, seine Haltung hinter mittelalterlichen Bildern oder doppeldeutigen Metaphern zu verstecken.


Das hätte schnell belehrend wirken können. Der Song funktioniert aber gerade deshalb,

weil die Band nicht um ihre Aussage herumschleicht. Auch musikalisch wird weniger verziert. Mehr Rockdruck, weniger Folk-Romantik, ein Refrain, der seine Position offen

nach außen trägt.


„Flagge“ gehört damit nicht nur zu den stärkeren, sondern auch

zu den wichtigsten Stücken des Albums.


„Nosferatu“ darf wieder Geschichten erzählen

Nach dieser sehr direkten Nummer zieht „Nosferatu“ die Vorhänge zu.


Mit fast sechs Minuten gehört das Stück zu den längeren Momenten auf „Sternensegler“ und setzt stärker auf Atmosphäre als auf den schnellen Refrain.


Dunkelheit und Theatralik stehen hier im Vordergrund. Die Band lässt sich Zeit, das Bild aufzubauen, und gerade Herences Stimme bekommt in dieser Umgebung eine interessante Wirkung. Seine hellere Färbung steht im Kontrast zur düsteren Geschichte, statt sie einfach noch schwärzer auszumalen.


Ganz straff bleibt das nicht. „Nosferatu“ hätte vermutlich auch etwas kürzer funktioniert. Trotzdem ist der Song als Kontrast wichtig, weil er Schandmauls alte Freude am Geschichtenerzählen wieder stärker ins Zentrum rückt.



Wenn Worte nicht mehr reichen

„Wo Sprache aufhört“ geht danach bewusst in die andere Richtung.


Der Song beschäftigt sich mit Nähe und Gefühlen, für die Worte irgendwann nicht mehr ausreichen. Ein Thema, bei dem die Gefahr von zu viel Süße durchaus vorhanden ist.


Schandmaul halten sich musikalisch jedoch zurück. Herence singt sanft, ohne übermäßig auf Drama zu setzen, und das Arrangement lässt genügend Luft.

Der Refrain ist schlicht, aber gerade deshalb passend.


Interessant ist, dass die neue Stimme bei solchen Songs besonders deutlich auffällt.

Hier fehlt vielleicht etwas von Lindners rauer Wärme, dafür klingt Herence klarer und unmittelbarer. Ob man das bevorzugt, dürfte stark davon abhängen, welche Schandmaul-Phase man im Ohr hat. Auf diesem Album funktioniert es.


„In der Hand“ richtet den Blick anschließend stärker auf die eigene Geschichte.


Narben, Ehrlichkeit, das, was man gemeinsam durchgestanden hat, und ein Herz, das trotzdem weiter brennt – der Song lässt sich kaum hören, ohne dabei auch an die Band selbst zu denken.


Musikalisch ist das sehr vertrautes Terrain. Genau hier ist das aber kein Nachteil.

„In der Hand“ wirkt wie die Verbindung zwischen dem Schandmaul von früher und der neuen Situation. Kein Abschied von der eigenen Vergangenheit, sondern eher die Feststellung, dass sie weiterhin dazugehört.



„An beiden Enden“ brennt lieber, als stillzustehen

Einen der stärksten Mitsingmomente liefert „An beiden Enden“.


Die Idee, das Leben lieber mit vollem Einsatz zu führen, als sich aus Angst vor Konsequenzen selbst auszubremsen, ist nicht neu.

Schandmaul bringen sie aber mit genügend Schwung auf den Punkt.


Herence klingt hier energisch und sehr sicher. Der Refrain geht sofort auf, die Instrumentierung wirkt lebendig und das Stück besitzt genau jene Mischung aus Folk und Rock, die auf der Bühne wahrscheinlich noch besser funktionieren wird als auf Platte.


Vor allem nach einigen ruhigeren und nachdenklicheren Momenten kommt der Song zur richtigen Zeit. „Sternensegler“ braucht diese Energie in seiner zweiten Hälfte.



Wo das Album etwas zu vertraut wird

„Lass nicht los“ ist warm, tröstend und in seiner Botschaft vollkommen nachvollziehbar. Nach schweren Zeiten soll Bewegung wieder möglich werden, Hoffnung soll bleiben.


Musikalisch bewegen sich Schandmaul dabei allerdings sehr nah an einer Sprache, die man von der Band bereits kennt. Der Refrain funktioniert, Herence singt gefühlvoll, alles sitzt an seinem Platz – vielleicht ein wenig zu sehr. Der Song ist keineswegs schwach, hinterlässt aber weniger Spuren als die Stücke, die etwas mehr Reibung zulassen.


Ähnlich verhält es sich zunächst mit „Trag Dich“.

Eine Liebeserklärung ohne ironische Absicherung, bewusst sentimental und direkt. Immerhin scheint der Song sehr genau zu wissen, wie nahe er dabei am Schmalz entlangläuft. Das macht ihn sympathischer.


Herence trägt diese Offenheit glaubwürdig. Musikalisch bleibt das im Balladenmodus allerdings recht erwartbar. Emotional gehört der Song auf dieses Album, musikalisch zählt er nicht zu dessen größten Überraschungen.


Zwei Raben für den langen Abschied

Für das Finale nehmen sich Schandmaul fast sieben Minuten Zeit.

„Zwei Raben“ mit Laura Fella von Faun ist damit nicht nur der längste Song des Albums, sondern auch einer seiner schönsten.


Nähe trotz Distanz, Partnerschaft, Treue und das gemeinsame Weiterziehen werden hier nicht in einen schnellen Refrain gepresst. Die Nummer beginnt folkiger und lässt sich Zeit, bevor sie größer wird. Laura Fellas Stimme bringt dabei eine zweite Farbe hinein, die sich angenehm von Herence absetzt.


Gerade dieses Zusammenspiel verhindert, dass das lange Finale zu gleichförmig wird.

Der Song wächst, statt einfach nur länger zu dauern.


Und das Bild der beiden Raben passt hervorragend ans Ende eines Albums, das sich ohnehin viel mit Bewegung, Veränderung und dem Festhalten an Verbindungen beschäftigt.


Nach fast 49 Minuten endet „Sternensegler“ deshalb nicht mit einem großen Knall, sondern mit einem Stück, das noch einmal zurückschaut und gleichzeitig weiterzieht.


Kein Neustart auf Kosten der Vergangenheit

Die vielleicht interessanteste Frage bleibt am Ende, wie viel Veränderung Schandmaul diesem Album überhaupt zumuten wollten.


Die Antwort lautet: nicht übermäßig viel.


Das kann man kritisieren. Wer nach dem Sängerwechsel einen musikalischen Befreiungsschlag oder eine komplette Neuorientierung erwartet hat, wird „Sternensegler“ vermutlich zu vorsichtig finden. Folk-Rock-Unterbau, Melodieführung und die typische Art des Geschichtenerzählens bleiben sehr nah an dem, was man von der Band kennt.


Aber vielleicht wäre ausgerechnet jetzt ein radikaler Schnitt

auch die falsche Entscheidung gewesen.


Der eigentliche Wandel sitzt bereits am Mikrofon. Till Herence verändert zwangsläufig den Charakter der Songs. Schandmaul geben ihm deshalb ein musikalisches Umfeld, das vertraut genug ist, damit nicht gleichzeitig sämtliche Konstanten verschwinden.


Das macht „Sternensegler“ zu einem Übergangsalbum – aber zu einem ziemlich guten.



Kontakt:


(Mit freundlicher Unterstützung und Bereitstellung des Pressematerials von Napalm Records)


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