Indigo von ASIA im Review: Die neue Besetzung findet ihren Ton
Zwölf Jahre nach „Gravitas“ verbindet Geoff Downes die Handschrift der aktuellen Band mit letzten Kompositionen John Wettons. Das Ergebnis wahrt die Erinnerung, lebt aber vor allem von der musikalischen Chemie der neuen Besetzung.
![]() | Tracklist: 1. The Traveller (Into The Light) – 4:46 2. Change Of Heart – 4:51 3. Arcadia – 4:41 4. Is This The Life? – 4:06 5. Tattoo Indigo (Part 1) – 4:40 6. Tattoo Indigo (Part 2) – 2:06 7. Tattoo Indigo (Part 3) – 4:14 8. Life In The Sun – 4:57 9. Hymn For The Fallen – 5:00 10. Night And Day – 3:31 11. Valencia (The Ghost Ship) – 3:49 12. An Elegy – 0:47 13. Chesapeake Bay feat. Steve Howe – 3:00 14. On A Winters Night – 4:39 15. Echo Of You – 5:48 16. Tattoo Indigo (Part 3) feat. Mike Portnoy – 4:32 |
Veröffentlichung: 6. November 2026
Label: Frontiers Music Srl
Genre: Melodic Rock / AOR / Progressive Rock
Formate: CD, CD/Blu-ray und Doppel-LP
Spieldauer: 60:54 Minuten, mit Bonustrack 65:26 Minuten
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Fazit der Redaktion:
„Indigo“ ist ein starkes neues Kapitel für ASIA. Die Verbindung zu John Wetton bleibt hörbar und wird mit Respekt behandelt. Das Album funktioniert aber nicht allein wegen dieser Vergangenheit. Seine eigentliche Kraft entsteht aus der aktuellen Besetzung.
Geoff Downes gibt die harmonische Richtung vor, John Mitchell bringt mehr Biss in den Gitarrenton, Virgil Donati erweitert den rhythmischen Wortschatz, und Harry Whitley trägt die vertrauten Stimmfarben mit eigener Beweglichkeit weiter. Besonders „Arcadia“, die dreiteilige Titelsuite, „Chesapeake Bay“ und „Echo Of You“ zeigen, wie gut diese vier Musiker zusammenpassen.
Nicht jede der gut 60 Minuten ist unverzichtbar. „On A Winters Night“ bleibt hinter den stärkeren Balladen zurück, und nach „Tattoo Indigo“ benötigt die Platte etwas Zeit, um ihre Spannung wiederzufinden. Das schmälert den Gesamteindruck nur wenig.
ASIA versuchen auf „Indigo“ nicht, die klassische Besetzung nachzustellen. Die Band nimmt ihre Geschichte mit und schreibt von dort aus weiter. Genau deshalb wirkt das Album glaubwürdig: Es ehrt John Wetton, ohne die Gegenwart unter seiner Erinnerung zu begraben.
„Mit ‚Indigo‘ gelingt ASIA ein überzeugendes neues Kapitel voller starker Melodien und musikalischer Raffinesse – eine würdige Hommage an John Wetton, die zugleich den eigenen Weg in die Zukunft weist.“
Was bekommen wir auf die Ohren?
Zwölf Jahre liegen zwischen „Gravitas“ und dem nächsten regulären Studioalbum der britischen Rockband. Indigo von ASIA trägt diese lange Pause hörbar in sich.
Die Platte blickt zurück, bleibt dabei aber nicht in der Vergangenheit stehen.
Geoff Downes greift letzte gemeinsame Ideen mit John Wetton auf und führt sie mit Harry Whitley, John Mitchell und Virgil Donati weiter.
Die ersten Skizzen entstanden bereits 2015. Wettons Erkrankung und sein Tod im Januar 2017 verhinderten damals die geplante Fortsetzung der gemeinsamen Arbeit. Teile des Materials blieben erhalten. „Tattoo Indigo“ und „Chesapeake Bay“ gehen auf diese letzten Schreibphasen zurück und verbinden die aktuelle Besetzung unmittelbar mit der Geschichte der Band.
Aufgenommen wurde „Indigo“ im Jahr 2025. Geoff Downes und ASIA übernahmen die Produktion, John Mitchell kümmerte sich um Mix und Mastering. Steve Howe spielt akustische Gitarre auf „Chesapeake Bay“, während Mike Portnoy auf einer alternativen Version von „Tattoo Indigo (Part 3)“ zu hören ist.
Indigo von ASIA zwischen Erinnerung und Neubeginn
Harry Whitleys Nähe zu John Wettons Stimme lässt sich kaum überhören.
Die warme Tiefe, die klare Artikulation und das Gespür für weit gespannte Melodiebögen erinnern an den früheren Frontmann. Entscheidend ist jedoch, dass Whitley daraus keine bloße Nachahmung macht. Im höheren Register klingt er heller und beweglicher, gelegentlich auch verletzlicher.
Gerade diese Unterschiede helfen dem Album. Whitley behandelt das musikalische Erbe der Band mit erkennbarem Respekt, ohne jede Betonung an Wettons Vorbild auszurichten. In „Arcadia“, „Hymn For The Fallen“ und „Echo Of You“ zeigt er, dass er die großen ASIA-Melodien tragen kann. Bei „Night And Day“ und „Is This The Life?“ bringt er mehr Schärfe und direkten Rockdruck in seine Stimme.
John Mitchell prägt den härteren Rand der Platte. Seine Gitarren bleiben melodisch, besitzen aber mehr Biss als auf vielen früheren ASIA-Alben. Die Soli sind sorgfältig aufgebaut und eng an die jeweiligen Songs gebunden. Mitchell drängt sich nicht vor die Kompositionen, gibt ihnen jedoch eine zusätzliche körperliche Präsenz.
Virgil Donati bringt rhythmische Feinheiten ein, ohne aus den Stücken technische Vorführungen zu machen. Sein Spiel ist beweglich, kraftvoll und häufig überraschend, bleibt aber immer im Dienst der Songs. Geoff Downes hält diese verschiedenen Kräfte mit Klavier, Orgel und breiten Synthesizerflächen zusammen. Besonders „Arcadia“, die Titelsuite und „Echo Of You“ profitieren von diesem Zusammenspiel.
Ein Auftakt mit Blick nach vorn
„The Traveller (Into The Light)“ eröffnet das Album mit viel Energie.
Der Song verbindet den vertrauten melodischen Aufbau der Band mit kleinen progressiven Verschiebungen. Donatis Schlagzeug hält die Musik ständig in Bewegung, Mitchell setzt klare Gitarrenlinien dagegen, und Downes füllt den Hintergrund mit mehreren Keyboardebenen.
Der Text blickt auf eine unsichere, zerrissene Welt, hält aber an der Bewegung ins Licht fest. Whitley trägt den mehrstimmigen Refrain kraftvoll,
ohne ihn unnötig aufzublasen.
Als erster Song erfüllt „The Traveller“ eine wichtige Aufgabe:
Er klingt sofort nach ASIA, zeigt aber ebenso deutlich, dass diese Besetzung einen eigenen Zugriff besitzt.
„Change Of Heart“ nimmt früh Tempo heraus.
Eine emotional abgerückte Person erscheint als selbst geschaffene Insel, Vertrauen und Annäherung werden zu vorsichtigen Möglichkeiten. Klavier, Synthesizer und melodische Gitarren formen eine Powerballade, die sich langsam öffnet. Die Position direkt hinter dem energischen Auftakt bremst den Albumfluss etwas, der Song selbst besitzt jedoch genügend Substanz.
Mit „Arcadia“ folgt einer der Höhepunkte.
Der titelgebende Zufluchtsort steht für die Hoffnung, Dunkelheit und alte Verletzungen hinter sich zu lassen. Whitley nutzt seine Höhe, ohne den Gesang ins Theatralische zu ziehen. Downes schichtet Orgel, Klavier und Synthesizer übereinander, während Mitchell die Zwischenräume mit präzisen Gitarrenlinien füllt. Der große Refrain wirkt vertraut, klingt aber keineswegs wie eine aufgewärmte Formel.
Das Klavier am Ende lässt den Song ruhig auslaufen und führt zu „Is This The Life?“. Dort treffen Erinnerungen und verpasste Möglichkeiten auf die Entscheidung, einen Menschen noch nicht aufzugeben. Der Aufbau ist geradliniger, der Refrain sitzt schnell. Mitchells Solo gibt dem Stück gerade genug Farbe, um es über konventionellen AOR hinauszuheben.
Drei Teile, eine lange Erinnerung
Das Herzstück des Albums ist die dreiteilige „Tattoo Indigo“-Suite.
Der instrumentale erste Teil beginnt dunkler und schwerer als die vorangegangenen Songs. Tiefe Bassfrequenzen, wechselnde Keyboardfarben und Donatis rhythmische Verschiebungen bauen eine Spannung auf, die sich nicht sofort entlädt. Wiederkehrende Motive übernehmen die Funktion eines Refrains.
Teil zwei verkleinert die Perspektive. Whitley singt nah und zurückgenommen über Erinnerungen, die wie indigofarbene Spuren im Inneren bleiben. Akustische Klänge und ein schlichter Melodiebogen ersetzen die großen Flächen. Für sich allein wirkt das kurze Stück beinahe fragmentarisch, als ruhige Mitte der Suite ist es genau richtig platziert.
Im dritten Teil kehren die Motive der ersten beiden Abschnitte zurück.
Whitley wechselt in eine höhere Lage, während Gitarren, Keyboards und Schlagzeug immer enger ineinandergreifen. Der Refrain löst die zuvor aufgebaute Spannung auf, ohne das Stück in einen übertriebenen Triumph zu verwandeln.
Hier gelingt „Indigo“ etwas Bemerkenswertes:
Die Beiträge John Wettons fühlen sich nicht wie nachträglich eingefügte Archivstücke an. Die aktuelle Band behandelt sie als lebendiges Material und entwickelt sie weiter. Erinnerung wird damit zum Teil des Albums, aber nicht zu seinem einzigen Zweck.
Die Bonusfassung von „Tattoo Indigo (Part 3)“ mit Mike Portnoy bietet eine zweite Lesart. Sein Schlagzeugspiel ist offensiver, Becken und Snare treten stärker hervor, und die Übergänge wirken voller. Donatis reguläre Version klingt dunkler
und geschlossener, Portnoys Fassung extrovertierter.
Einen eindeutigen Gewinner braucht dieser Vergleich nicht.
Nach der Suite wird es ruhiger
„Life In The Sun“ hat nach den elf Minuten der Titelsuite einen schwierigen Stand.
Der Song blickt auf verletzende Worte und die Möglichkeit einer gemeinsamen Zukunft zurück. Whitley singt warm, der Refrain trägt eine deutliche Wetton-Färbung.
Das Arrangement bleibt vergleichsweise konventionell,
gewinnt aber nach mehreren Durchläufen.
„Hymn For The Fallen“ beschäftigt sich mit den leeren Plätzen, die Verstorbene hinterlassen. Der Titel lässt großen Pathos erwarten, doch Whitley bleibt erfreulich kontrolliert. Klavier, Flächen und langsam wachsende Gitarren geben dem Stück Gewicht. Es dauert einen Moment, bis der Song seine volle Wirkung erreicht. Im letzten Drittel findet er schließlich die notwendige Intensität.
„Night And Day“ setzt danach einen willkommenen Kontrast.
Die Gitarren greifen härter zu, der Refrain ist kompakt, und Whitley phrasiert schärfer. Der Text erzählt von einem Menschen, dessen wechselnde Gesichter jedes Vertrauen zerstören. Mit dreieinhalb Minuten ist der Song einer der direktesten Titel des Albums und bringt nach den nachdenklicheren Stücken wieder Bewegung in den Ablauf.
Ein Geisterschiff und ein stiller Abschied
„Valencia (The Ghost Ship)“ greift den Untergang der S.S. Valencia auf.
Das Passagierschiff lief im Januar 1906 vor Vancouver Island auf ein Riff;
136 Menschen kamen ums Leben.
Whitley erzählt die Geschichte mit ruhiger Dramatik. Das Arrangement deutet die Bewegung des Wassers und die geisterhafte Atmosphäre an, ohne daraus ein großes Prog-Epos zu machen. Der Refrain bleibt zurückhaltend und passt damit zum historischen Stoff. Das kurze Instrumental „An Elegy“ lässt die Geschichte anschließend ausklingen.
Mit „Chesapeake Bay“ wird das Album noch persönlicher.
Ein Spaziergang am Wasser, Sonne, Wind und Gezeiten werden zu Bildern für Ruhe und Weitergehen. Whitleys Stimme liegt mit viel Hall über Klavier und akustischer Gitarre. Steve Howe ergänzt feine Linien, die dem Song zusätzliche Wärme geben.
Die unfertige Komposition von Wetton und Downes wurde behutsam vollendet. Nichts klingt danach, als hätte die Band versucht, aus dem emotionalen Hintergrund
künstlich Kapital zu schlagen. „Chesapeake Bay“ bleibt klein und intim.
Genau darin liegt seine Stärke.
„On A Winters Night“ folgt als klassische Ballade über Nähe, Winterbilder und die Erinnerung an einen abwesenden Menschen. Die Produktion ist geschmackvoll, Klavier und Streicherflächen bleiben zurückhaltend. Nach „Chesapeake Bay“ fehlt dem Stück jedoch ein eigener Akzent. Es ist ordentlich geschrieben und souverän gesungen, gehört aber zu den wenigen Momenten, auf die das Album verzichten könnte.
Echo Of You findet den richtigen Abschluss
Mit „Echo Of You“ endet die reguläre Fassung auf einem ihrer stärksten Stücke.
Der Song handelt vom Versuch, nach einem Verlust weiterzuleben, während die Erinnerung immer wieder zurückkehrt. Whitley beginnt ruhig und steigert sich kontrolliert. Der Refrain gewinnt mit jeder Wiederholung, statt sein ganzes Gewicht sofort auszuspielen.
Kontrapunktische Stimmen, Mitchells melodisches Solo und Donatis zunehmend freieres Schlagzeug tragen den Aufbau. Downes hält die verschiedenen Ebenen mit seinen Keyboards zusammen. Nach fast sechs Minuten fühlt sich der Song vollständig an, ohne überdehnt zu wirken.
„Echo Of You“ fasst vieles zusammen, was „Indigo“ auszeichnet:
Erinnerung und Gegenwart stehen nebeneinander, die Melodie bleibt zugänglich, und unter der glatten Oberfläche arbeiten kleine progressive Details.
Ein großer Abschied wird daraus nicht.
Eher ein Schluss, der noch Raum für ein weiteres Kapitel lässt.
Eine Produktion mit Luft und Wärme
John Mitchells Mix trennt Gitarren, Keyboards und Schlagzeug sauber voneinander, vermeidet aber sterile Hochglanzwirkung. „Arcadia“ und „Echo Of You“ behalten ihre dynamischen Steigerungen, während „Night And Day“ kompakter und druckvoller klingt. „Chesapeake Bay“ liegt bewusst leiser und intimer im Album.
Downes’ Keyboards nehmen viel Raum ein, überdecken aber selten die Gitarren. Donatis Schlagzeug besitzt Klarheit und Tiefe, und Whitleys Gesang steht deutlich im Zentrum. Der Bass hätte an einzelnen Stellen etwas stärker hervortreten dürfen, insgesamt wirkt das Klangbild jedoch ausgewogen und warm.
Mit knapp 61 Minuten ist „Indigo“ recht lang. Nach der Titelsuite verliert das Album vorübergehend an Spannung, und im letzten Drittel liegen mehrere ruhige Stücke nah beieinander. Eine etwas straffere Reihenfolge hätte den Gesamteindruck noch verbessert.
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