KISSIN’ DYNAMITE – Kissin’ Dynamite Review: Abschied ohne Schlussstrich
Hannes Braun steht auf „Kissin’ Dynamite“ zum letzten Mal als Sänger eines kompletten Studioalbums am Mikrofon. Statt sentimentaler Rückschau gibt es sechs neue Songs, sieben frisch eingespielte Stücke aus der eigenen Vergangenheit und ein Album, das Abschied und Aufbruch erstaunlich gut zusammenbringt.

Tracklist (zum Erweitern klicken):
1. Glory Days
2. I Salute You - feat. Saltatio Mortis
3. Heart Attack
4. Night Is Calling
5. Out In The Rain - feat. Amaranthe
6. Love Me Hate Me
7. Lie For Me - feat Anna Brunner
8. I’ll Be
9. Steel Of Swabia - feat. Primal Fear und Sam Totman
10. Against The World - feat Eklipse
11. Nothing Breaks Like A Heart
12. Only The Good Die Young
13. Good In Goodbye
Veröffentlichung: 18. September 2026
Label: Kissin’Dynamite Records
Vertrieb: Kontor New Media
Genre: Hard Rock / Arena Rock
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Fazit der Redaktion:
„Kissin’ Dynamite“ hätte problemlos in sentimentale Selbstfeier kippen können.
Tut es aber nicht.
Hannes Braun singt dieses Album nicht wie jemand, der sich selbst ein Denkmal setzen möchte. Vielmehr wirkt es, als wolle er seinen Platz am Mikrofon bewusst und sauber hinterlassen. Die alten Songs schauen zurück, ohne die Vergangenheit künstlich größer zu machen. Die neuen Stücke wiederum sorgen dafür, dass aus der Platte kein verkapptes Best-of mit frischer Produktion wird.
Vor allem „Glory Days“, „I Salute You“, „I’ll Be“, „Nothing Breaks Like A Heart“ und
„The Good In Goodbye“ geben dem Album die emotionale Linie, die es braucht.
Dazwischen gibt es ein paar vertraute Muster und zwei, drei Songs,
die weniger Gewicht haben. Das ändert wenig am Gesamteindruck.
Als letztes vollständiges Studioalbum mit Hannes Braun am Mikrofon ist
„Kissin’ Dynamite“ kein Schlussstrich, sondern ein stark gesetzter Übergang.
Emotional, ohne kitschig zu werden – und selbstbewusst genug,
um nicht ständig „Abschied“ rufen zu müssen.
"Zwischen „Glory Days“ und „The Good In Goodbye“ wird aus Rückblick kein Stillstand
– KISSIN’ DYNAMITE setzen Hannes Braun zum Abschied vom Mikro einen starken Rahmen."
Was bekommen wir auf die Ohren?
Es wäre leicht gewesen, aus diesem Album eine große Abschiedsveranstaltung zu machen.
Ein paar alte Hits neu aufnehmen, ordentlich Pathos darüberkippen, Hannes Braun noch einmal ins Rampenlicht stellen und am Ende die Taschentücher verteilen.
KISSIN’ DYNAMITE machen es glücklicherweise anders.
Natürlich schwingt Abschied mit. Hannes Braun nimmt hier zum letzten Mal ein komplettes Studioalbum als Sänger der Band auf. Er verschwindet aber nicht aus deren Geschichte, sondern bleibt als Songwriter, Produzent und kreativer Kopf erhalten.
Dieser Unterschied ist wichtig, denn „Kissin’ Dynamite“ klingt nicht nach Ende. Eher nach einem Moment, in dem man sich umdreht, kurz zurückschaut und anschließend weitergeht.
Die Mischung aus sechs neuen Songs und sieben Neueinspielungen älterer Stücke passt deshalb besser, als es zunächst klingt.
„Glory Days“ schaut zurück, ohne hängen zu bleiben
Mit „Glory Days“ beginnt das Album genau dort, wo es beginnen muss.
Jugend, Freundschaft, alte Träume und die Erinnerungen an eine Zeit, in der vieles leichter und manches vermutlich größer erschien, als es tatsächlich war. Der Song schaut zurück, bleibt dabei aber erstaunlich frei von klebriger Nostalgie.
Musikalisch ist das klassischer KISSIN’-DYNAMITE-Stoff: breite Gitarren, viel Melodie und ein Refrain, der sofort auf die große Bühne zielt. Entscheidend ist aber Hannes Braun. Er singt die Nummer nicht wie jemand, der seiner Vergangenheit hinterhertrauert, sondern eher wie einer, der sich gern daran erinnert und trotzdem weiß, dass es weitergeht. Dadurch bekommt „Glory Days“ genau die richtige Mischung aus Wehmut und Aufbruch.
Noch deutlicher wird der Gedanke des Albums bei „I Salute You“.
Gemeinsam mit Saltatio Mortis entsteht eine direkte Verbeugung vor den Fans und dem gemeinsam zurückgelegten Weg. Das Stück trägt ordentlich Pathos vor sich her, versteckt das aber auch gar nicht. Der schwere Rhythmus, die zusätzlichen Folk-Farben und der große Refrain machen daraus einen Song, der weniger für den Kopfhörer als für tausende erhobene Arme geschrieben scheint.
Das könnte schnell zu viel werden. Hier funktioniert es, weil der Dank glaubwürdig wirkt.
„I Salute You“ klingt nicht nach kalkulierter Fan-Hymne, sondern nach einem Moment,
den die Band tatsächlich gemeinsam mit ihrem Publikum feiern möchte.
Nicht jeder neue Song muss Abschied bedeuten
Danach nimmt „Heartattack“ bewusst etwas Gewicht aus der Sache.
Femme fatale, Geld, Begierde und Kontrollverlust – tiefgründig ist das nicht, soll es aber offensichtlich auch nicht sein. Der Song ist Glam Rock mit einem breiten Grinsen und erinnert daran, dass KISSIN’ DYNAMITE neben all den großen Gefühlen immer noch eine Band sind, die Spaß an überzeichneten Rock’n’Roll-Geschichten hat.
Der Refrain sitzt schnell, vielleicht sogar etwas zu schnell. Nach den beiden starken Auftaktsongs wirkt „Heartattack“ deshalb eher wie unterhaltsames Zwischenspiel als wie ein Stück, das dem Album eine weitere wichtige Facette gibt.
„Night Is Calling“ funktioniert in dieser Rolle besser.
Die Nummer ist kurz, treibend und komplett auf Bewegung ausgerichtet.
Nacht, Straße, Freiheit, raus aus dem Alltag – auch das sind keine neuen Themen.
Aber der Song besitzt genug Energie, um daraus eine glaubwürdige kleine Rockhymne zu machen. Drei Minuten reichen völlig. Einmal Refrain im Kopf, Gitarren nach vorne und weiter.
Gerade diese beiden Stücke sind für die Dramaturgie wichtig.
Würde jeder neue Song von Abschied, Erinnerung und Veränderung handeln, wäre das Album irgendwann emotional überladen.
Alte Songs treffen auf einen anderen Hannes Braun
Bei den sieben Neueinspielungen stellt sich zwangsläufig die Frage:
Braucht man das wirklich?
Bei „Out In The Rain“ lautet die Antwort ziemlich eindeutig ja.
Hannes Braun singt den Song heute mit einer anderen Stimme als in der frühen Phase der Band. Tiefer, kontrollierter und weniger darauf bedacht, jede hohe Passage
als Ausrufezeichen zu setzen.
Das verändert die Stimmung stärker, als eine bloße Neuaufnahme vermuten lässt.
Dazu kommt Amaranthe. Das Feature gibt dem Stück eine modernere Farbe, ohne daraus plötzlich einen fremden Song zu machen. Die Gitarren besitzen mehr Körper, der Refrain wirkt größer und die Produktion holt Details nach vorne, die früher weniger Gewicht hatten. Das Original verliert dadurch nichts – die neue Fassung erzählt den Song einfach aus einer anderen Lebensphase.
Bei „Love Me Hate Me“ ist der Mehrwert kleiner.
Der Trotz funktioniert noch immer, Hannes klingt souveräner und der Sound besitzt deutlich mehr Druck. Trotzdem bleibt die Nummer sehr nah an jener KISSIN’-DYNAMITE-Formel,
die man inzwischen aus vielen Songs kennt. Gute Gitarren, griffiger Chorus, Brust raus. Funktioniert – überrascht aber kaum.
„Lie For Me“ gewinnt dagegen deutlich durch Anna Brunner.
Aus dem alten Song wird ein echtes Zwiegespräch, wodurch das Thema Loyalität und Liebe als gegenseitiger Test plötzlich eine andere Spannung bekommt. Gerade solche Veränderungen rechtfertigen die Idee hinter den Neueinspielungen:
Nicht restaurieren, sondern einen bekannten Song aus heutiger Sicht noch einmal anfassen.
„I’ll Be“ sagt eigentlich alles
Dann kommt „I’ll Be“ – und plötzlich braucht dieses Album keine großen Erklärungen mehr.
Der Song handelt von Beistand, Treue und dem Versprechen, auch dann noch da zu sein, wenn sich Rollen verändern. Im Kontext von Hannes Brauns Rückzug vom Mikrofon bekommt jede dieser Zeilen automatisch eine zweite Bedeutung. Man muss sie gar nicht ausdrücklich auf die Bandgeschichte beziehen. Sie ist ohnehin im Raum.
Musikalisch hätte man daraus problemlos die größtmögliche Abschiedsballade bauen können. KISSIN’ DYNAMITE widerstehen dieser Versuchung. Natürlich wird der Refrain breit, natürlich stehen die Gitarren groß im Raum – aber „I’ll Be“ bleibt ein Rocksong und keine inszenierte Abschiedszeremonie.
Hannes liefert hier eine seiner stärksten Leistungen des Albums.
Nicht, weil er technisch besonders spektakulär singt, sondern weil er genau weiß,
wann weniger mehr ist. Gerade deshalb trifft der Song.
Schwabenstahl darf auch ein bisschen übertreiben
Bei „Steel Of Swabia“ ist Zurückhaltung anschließend ausdrücklich nicht gefragt.
Herkunft, Bandmythos, Heavy Metal und ein ordentliches Maß an Selbstironie
– die Nummer darf breitbeinig auftreten.
Primal Fear passen mit ihrer metallischen Wucht hervorragend dazu, und Sam Totman bringt am Instrument genau das Feuer mit, das eine solche Neuaufnahme braucht.
Das Ergebnis ist massiver als früher und wirkt heute fast wie die Version, die der Song schon immer sein wollte.
Natürlich ist das Fan-Service. Aber warum sollte ein Album wie dieses darauf verzichten?
„Against The World“ geht anschließend einen anderen Weg.
Eklipse geben der Nummer mit ihren Streichern eine zusätzliche Ebene und nehmen ihr nichts von der kämpferischen Grundhaltung. Gerade weil die Streicher nicht einfach dekorativ darübergelegt wirken, bekommt die Neuaufnahme eine eigene Berechtigung.
Hier zeigt sich besonders gut, wann das Konzept funktioniert:
Ein älterer Song muss nicht komplett umgebaut werden. Manchmal reicht eine neue Farbe, damit man ihn noch einmal anders hört.
Zum Schluss wird es persönlicher
„Nothing Breaks Like A Heart“ gehört zu den stärksten neuen Songs der Platte.
Die Nummer beginnt dunkler und zurückhaltender, bevor sie sich langsam in einen großen Refrain öffnet. Dieses Wachstum wirkt nicht wie ein Produktionskniff, sondern folgt der Stimmung des Textes.
Es geht um den Moment, in dem die vermeintliche Unverwundbarkeit Risse bekommt. Verlust hinterlässt Spuren, und manche davon verschwinden eben nicht wieder. Hannes Braun singt das glaubwürdig, weil er den Schmerz nicht übertreibt. Die Nummer braucht keine große Geste, um emotional zu funktionieren.
Nach diesem Moment kommt „Only The Good Die Young“ beinahe wie ein kurzer Blick auf die jüngere, unbekümmertere Version der Band daher. Leben auf Risiko, Rock’n’Roll, jugendlicher Trotz – die Neuaufnahme besitzt mehr Druck und Hannes deutlich mehr Kontrolle als früher. Trotzdem bleibt der Song im Umfeld der emotional stärkeren Nummern eher ein Energielieferant.
Und dann „The Good In Goodbye“.
Schon der Titel könnte kaum eindeutiger sein. Trotzdem macht die Band daraus keinen tränenschweren Abgesang. Es geht um Loslassen, darum, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen und anzuerkennen, dass ein Ende nicht automatisch
etwas Schlechtes sein muss.
Musikalisch hält sich die Band bemerkenswert zurück. Der Refrain muss nicht der größte des Albums sein. Die Gitarren müssen nicht noch einmal alles überfahren. Stattdessen bekommt Hannes genügend Platz für einen letzten Song, der im Kontext dieses Albums zwangsläufig größer wirkt als seine einzelnen Bestandteile.
Dass „The Good In Goodbye“ die Platte beendet, ist deshalb mehr als eine
gute Tracklist-Entscheidung.
Nach „Glory Days“ am Anfang schließt sich hier tatsächlich ein Kreis:
erst zurückschauen, dann loslassen.
Große Produktion, aber diesmal mit Grund
KISSIN’ DYNAMITE waren noch nie für musikalischen Minimalismus bekannt.
Auch hier sind die Chöre groß, die Gitarren breit und die Refrains für Hallen
und Festivals gebaut.
Normalerweise kann genau das irgendwann zur Formel werden.
Auf diesem Album bekommt die bekannte Größe jedoch einen anderen Zusammenhang. Viele dieser Songs handeln schließlich von Bandgeschichte, Gemeinschaft, Erinnerung und Veränderung. Da darf es auch mal eine Nummer größer sein.
Trotzdem zeigen „Heartattack“ oder stellenweise „Love Me Hate Me“, dass die eigene Erfolgsformel nicht automatisch jeden Song auf dasselbe Niveau hebt.
Die besten Stücke brauchen diese Formel auch gar nicht. Sie besitzen genug Persönlichkeit.
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