Mythemia – „Wolkenjäger“ Review: Mit Geige, Fernweh und Rückenwind
- Redaktion
- vor 4 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Mythemia liefern auf ihrem vierten Album ein warmherziges, stimmiges und erstaunlich rundes Folkrock-Werk zwischen Aufbruch, Heimkehr, Tavernenabend und Festivalwiese.

Tracklist:
1. Land in Sicht
2. Wenn nicht jetzt?
3. Wolkenjäger
4. Nachtgeläute
5. Schlechte Heuer, guter Wind
6. Mythemia & Harpyie - Teufelskerl
7. Juwelenfieber
8. Der Horizont ist bunt!
9. Ahoi
10. Loreley (feat. Pegleg Peggy)
11. Darauf trinken wir
12. Heute hier, morgen dort
13. Der Barde (2026)
Veröffentlichungsdatum: 17. Juli 2026
Label: NoCut
oder im NoCut-Shop
Fazit der Redaktion:
„Wolkenjäger“ ist ein starkes, buntes und warmherziges Folkrock-Album.
Mythemia liefern ihr bisher vielleicht rundestes Werk:
zugänglich, lebendig, erzählerisch und mit genug emotionaler Substanz,
um länger hängen zu bleiben als nur bis zum nächsten Refrain.
Was bekommen wir auf die Ohren?
„Land in Sicht“ klingt nach Heimkehr nach langer Fahrt, nach müden Knochen, salziger Luft und diesem kurzen Moment, in dem man endlich wieder Boden unter den Füßen spürt.
Es ist ein warmer Auftakt, der nicht nur nach Ankommen klingt, sondern auch nach dem Blick zurück auf alles, was man hinter sich gelassen hat.
Lange bleibt die Band dort aber nicht. „Wenn nicht jetzt?“ zieht direkt weiter und stellt die Frage, die wahrscheinlich jeder schon einmal vor sich hergeschoben hat: Worauf eigentlich noch warten? Der Song hat diesen einfachen, aber wirkungsvollen Aufbruchsgedanken, den Mythemia nicht groß verkopfen. Stattdessen wird daraus ein Stück Folkrock, das nach gepackten Taschen, offenen Wegen und einem kleinen Schubs in Richtung Mut klingt.
Der Titelsong „Wolkenjäger“ bündelt diese Idee noch deutlicher.
Es geht darum, Träume nicht nur zu haben, sondern ihnen wirklich hinterherzugehen, auch wenn sie vielleicht zu groß, zu weit weg oder zu verrückt wirken. Das ist kein neuer Gedanke, aber Mythemia verkaufen ihn mit genug Wärme und Überzeugung, dass er funktioniert. Geige, Rockgitarren, ein großer Refrain und viel Bewegung nach vorne tragen den Song. Man merkt: Diese Band will nicht erklären, sie will mitnehmen.
Schön ist, dass „Wolkenjäger“ nicht nur aus hellen Aufbruchsliedern besteht.
„Nachtgeläute“ bringt eine dunklere, unheimlichere Farbe hinein.
Hexenjagd, Sündenbockdenken, alte Ängste, dazu diese leicht bedrohliche Stimmung:
Der Song wirkt wie ein kurzer Gang durch ein Dorf, in dem nachts die Fensterläden geschlossen bleiben. Genau solche Momente tun dem Album gut, weil sie zeigen, dass Mythemia mehr können als nur Krüge heben und Refrains fürs Publikum bauen.
Auch „Teufelskerl“ und „Juwelenfieber“ gehen erzählerisch etwas tiefer. Da geht es um Versuchung, Selbstverlust und die Frage, was am Ende wirklich etwas wert ist.
Gerade „Juwelenfieber“ trifft einen schönen Punkt, weil der Song den falschen Glanz materieller Dinge aufgreift, ohne daraus eine schwere Moralpredigt zu machen.
Mythemia bleiben zugänglich, aber sie geben den Geschichten genug Substanz,
damit man nicht nur mitsingt, sondern zwischendurch auch hinhört.
Natürlich darf die maritime Seite nicht fehlen. „Schlechte Heuer, guter Wind“, „Ahoi“ und „Darauf trinken wir“ setzen auf Crew-Gefühl, Seefahrerbilder und Mitsingmomente.
Das könnte schnell sehr klischeehaft werden, funktioniert aber meistens, weil Mythemia die Songs mit Spielfreude und einem gewissen Augenzwinkern tragen. Man sieht bei diesen Stücken fast die erhobenen Becher vor sich, aber eben auch die Menschen dahinter:
eine Mannschaft, die vielleicht nicht viel hat, aber zusammen durch den Sturm geht.
Besonders „Ahoi“ bleibt hängen, weil der Song etwas größer erzählt. Eine versunkene Mannschaft, ein Schwur, der selbst auf dem Meeresgrund noch hält, dieses Bild hat mehr Stimmung als der übliche Tavernen-Schunkler. Da steckt Melancholie drin, aber auch Treue und eine fast geisterhafte Romantik. Genau an solchen Stellen gewinnt „Wolkenjäger“ an Tiefe, weil die Abenteuerbilder nicht nur Kulisse bleiben.
Am deutlichsten wird die Band bei „Der Horizont ist bunt!“. Der Song sagt ziemlich klar, wofür Mythemia stehen: Vielfalt, Offenheit und Zusammenhalt. Das wirkt nicht wie ein angeklebter Zeigefinger, sondern passt zur Grundidee des Albums. Wer von Aufbruch, Gemeinschaft und neuen Wegen singt, darf auch sagen, wer alles mit an Bord gehört. Gerade in einem Genre, das gern mit alten Bildern, Mythen und Lagerfeuerromantik spielt, ist so ein klares Signal wichtig und hier gut eingebettet.
„Loreley“ mit Pegleg Peggy bringt danach wieder mehr Party in die Sache, hat aber ebenfalls eine klare Kante: Nein heißt nein. Das ist als Botschaft nicht subtil, muss es aber auch nicht sein. Der Song schafft es, Spaß und Grenze zusammenzubringen,
ohne den Fluss der Platte zu stören.
Das Hannes-Wader-Cover „Heute hier, morgen dort“ fügt sich anschließend erstaunlich stimmig ein. Als Lied über das Unterwegssein passt es fast zu gut in diese Welt aus Reisen, Abschied und Weiterziehen.
Zum Schluss greift „Der Barde (2026)“ noch einmal die eigene Bandgeschichte auf.
Als neu eingespielter Bandklassiker wirkt der Song wie ein Blick zurück am Ende der Reise. Nicht nostalgisch im schweren Sinne, sondern eher wie ein vertrauter alter Freund, der noch einmal mit ans Feuer kommt.
Nach all den Wolken, Wellen und Wegen ist das ein runder Abschluss.
Natürlich erfindet „Wolkenjäger“ den Fantasy-Folk-Rock nicht neu. Manche Refrains sind sehr geradeaus geschrieben, manche Bilder kennt man aus dem Genre, und musikalisch bleibt Mythemia meistens in vertrautem Fahrwasser. Aber das Album wirkt in sich geschlossen, liebevoll ausgearbeitet und deutlich stärker als nur eine lose Sammlung von Tavernenliedern. Es möchte erzählen, mitnehmen, wärmen und live funktionieren.
Genau das gelingt über weite Strecken richtig gut.
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