Konzertbericht: KNORKATOR - Aller Guten Dinge sind 30!
- Redaktion

- vor 14 Stunden
- 3 Min. Lesezeit
Funmetal in Perfektion: Knorkator liefern großes Kino in Hannover

Das Capitol Hannover ist bis auf den letzten Platz gefüllt.
Schon beim Reinkommen vibriert der Saal wie kurz vor einem Gewitter
– alles steht unter Spannung.
Heute spielt Knorkator.
Und man weiß: Das wird kein normaler Abend.

Eine Vorband gibt es nicht.
Stattdessen läuft auf einer großen Leinwand ein wild zusammengeschnittenes
Programm aus vergangenen Zeiten.
Hart geschnittene, leicht verstörende Schnipsel flimmern über die Bühne:
Anklänge an „Der 7. Sinn“, geschminkte Figuren im Modern-Talking-Stil,
eine K-Pop-Sängerin, die „Brother Louie“ singt, dazu grelle Bollywood-Szenen.
Nichts passt wirklich zusammen – und genau das macht es so unterhaltsam.
Das Publikum schwankt zwischen irritiertem Stirnrunzeln und lautem Lachen.
Man wird schon vor Konzertbeginn angenehm aus dem Gleichgewicht gebracht.

Punkt 20:30 Uhr. Rotes Licht. Ein klarer Pianopart erklingt vom Keyboard.
Dann eröffnen Knorkator mit „Das Unheil“.
Stumpen steht im blau-weiß gerauteten Anzug auf der Bühne.
"wie ein Entertainer aus einer Parallelwelt"

Der Song beginnt mit einer Erzählstimme, und er unterstreicht jedes Wort mit geschwungenen Gesten – fast wie ein Dirigent, der seine eigene Stimme selbst führt.
Elegant, theatralisch, völlig überzogen. Und exakt gesetzt.

Das Capitol ist sofort auf Temperatur.
Bei „Es kotzt mich an“ dürfen die Fotografen aus dem Pressegraben auf die Bühne.
Sie posieren artig für ihre Bilder – und werden anschließend knieend mit einem Schaumstoffknüppel Richtung Publikum verprügelt.
Erste Moshpits entstehen, lösen sich wieder auf, bilden sich neu.
Niemand bleibt lange still stehen.
„Extrawurst“ bekommt eine kulinarische Erweiterung:
Auf der Bühne werden Eier gebraten.
Ja, wirklich.
Spiegeleier wandern anschließend ins Publikum und werden auch auf der Bühne verteilt. Der Geruch von Gebratenem mischt sich mit Konzertluft
– eine Kombination, die man nicht plant, aber so schnell nicht vergisst.

Während vorne das Chaos regiert, sitzt Buzz Dee auf seinem Barhocker.

Lila Hose, rosa Hemd, pinke Sonnenbrille.
Fast regungslos wirkt er – und spielt dabei unfassbar tight seine Riffs.
Ein Urgestein, das beweist, dass „Quatschmetal“ technisch
auf verdammt hohem Niveau stattfindet.
Von Anfang an mit dabei ist auch Tim Tom, der Sohn von Alf Ator.
Er ist einer der Gitarristen des Abends und fest ins Line-up integriert.
Nur bei zwei, drei Songs tritt er zusätzlich ans Mikro, growlt und
screamt mit beeindruckender Präzision.

Ansonsten steht er souverän an der Gitarre und fügt sich wie selbstverständlich
ins druckvolle Klangbild ein.
Stumpens Tochter Agnetha ist ebenfalls den gesamten Abend präsent
– mal im Background, mal ganz vorne.
Mit ihrer klaren, engelsgleichen Stimme sorgt sie immer wieder für echte Gänsehautmomente und lässt ihren Vater gesanglich mehr als einmal ziemlich alt aussehen.

Dazwischen sitzt sie entspannt auf ihrem Stuhl, ein Bein überschlagen,
ein Buch in der Hand – als wäre das hier der normalste Ort der Welt.

Bei „Hardcore“ setzt Knorkator ein weiteres visuelles Ausrufezeichen.
Stumpen trägt einen Helm mit Discokugel-Oberfläche,
tausende Lichtstrahlen schießen durchs Capitol.
Und während alles funkelt, sitzt jeder Ton.
Präzise, kontrolliert, stark.
Zwischen Wahnsinn und Witz blitzt immer wieder auf, wie gut diese Band tatsächlich ist.

Französische Chanson-Momente wechseln sich mit wunderschön inszenierten Balladen ab, nur um Sekunden später in raue gutturale Gesänge zu kippen.
Diese Bandbreite wirkt nicht aufgesetzt, sondern selbstverständlich.

Alf Ator sorgt für den nächsten legendären Moment, als er auf offener Bühne sein Keyboard zerlegt. Währenddessen sammelt Stumpen Geld im Publikum ein.
Die kleine Klara spendet einen Schein, der augenzwinkernd an den Bassisten weitergereicht wird – Unterhalt zahlt sich schließlich nicht von selbst.
Als Dank bekommt Klara einzelne Tasten des zerstörten Instruments überreicht.
Die Reste werden von der Bühne gefegt. Theater, Musik, Anarchie – alles gleichzeitig.

Das bis auf den letzten Platz gefüllte Capitol bleibt durchgehend auf Höchsttemperatur.
Immer wieder brechen Moshpits auf, das Publikum verausgabt sich komplett.
Der Sound ist druckvoll, klar, sauber.
Man merkt in jeder Sekunde: Diese Band ist unglaublich gut eingespielt.
Sie machen Quatschmetal – aber sie machen ihn technisch brillant.

Drei Zugaben folgen.
Und natürlich endet der Abend mit „Zähneputzen, Pullern und ab ins Bett“.
Das komplette Capitol singt mit, als hinge die eigene Abendroutine davon ab.

Als das Licht angeht, bleibt dieses breite, verschwitzte Grinsen.
Erschöpft, beeindruckt, bestens unterhalten.
Man geht raus und weiß nicht ganz, was man da gerade erlebt hat
– nur, dass es verdammt gut war.
Hut ab. Das ist großes Kino.
Text: Hilmer Jahnke
Videosnippet: Steven
Fotos: Jan Jacobsen
Wir bedanken uns an dieser Stelle bei Hannover Concerts für die Akkreditierung und die tolle Betreuung vor Ort.





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