Konzertbericht: In Extremo – Die Rauhnächte 2025 (Special Guest: Dominum)
- Redaktion

- vor 5 Tagen
- 5 Min. Lesezeit
Ein feuriges Jahresfinale zwischen den Welten – Dudelsäcke, Zombies, Pyro und jede Menge Rauch.

Wenn die Zeit stillsteht – und dann explodiert
Die letzten Tage des Jahres tragen immer eine besondere Schwere in sich.
Rückblicke, Abschiede, ein leises Innehalten.
Doch am 30. Dezember 2025 war im Leipziger Haus Auensee nichts leise.
Kein sanftes Ausklingen, kein ruhiger Übergang.
In Extremo riefen zum letzten Tanz der Rauhnächte 2025,
laut, kompromisslos und mit allem,
was diese Band seit drei Jahrzehnten zur Ausnahmeerscheinung macht.
(siehe auch unseren 30 Jahre Festivalbericht von der Loreley)
Draußen hing der Dezember grau und kalt über der Stadt.
Drinnen jedoch war die Luft schon vor dem ersten Ton elektrisch aufgeladen.
Es war spürbar: Das hier war kein gewöhnlicher Tourabschluss. Es war ein Ritual.
Ein kollektiver Kraftakt, um das Jahr mit Feuer, Schweiß und Gemeinschaft aus den Angeln zu heben. Wer an diesem Abend im Haus Auensee stand, wollte nicht einfach
ein Konzert sehen – man wollte Teil davon sein.
Rauhnächte – Alte Magie, moderne Eskalation
Der Begriff Rauhnächte ist tief verwurzelt in Mythen und Bräuchen.
Eine Schwellenzeit, in der die Grenzen zwischen den Welten verschwimmen,
in der geräuchert, gedeutet und losgelassen wird.
In Extremo nahmen diese Idee nicht folkloristisch, sondern radikal ernst
und übersetzten sie in ihre ganz eigene Sprache:
druckvolle Riffs, archaische Instrumente, Feuer und Nebel.
Dominum – Wenn die Untoten erwachen
Dominum sind keine Band, die sich vorsichtig an ihr Publikum herantastet.
Seit der Gründung 2022 durch Sänger Felix Heldt alias Dr. Dead verfolgen die deutschen Newcomer ihr Konzept mit bemerkenswerter Konsequenz: Masken, Rollen, Horrorästhetik – und ein klar definierter narrativer Rahmen. Das alles ist nicht neu im Metal, wird von Dominum jedoch mit einer Ernsthaftigkeit und Detailverliebtheit umgesetzt,
die sie deutlich von vielen reinen Gimmick-Acts abhebt.
Der Erfolg kommt nicht zufällig.
Das zweite Studioalbum "The Dead Don’t Die" stieg nach seiner Veröffentlichung am
27. Dezember 2024 direkt auf Platz 9 der deutschen Albumcharts ein, ein Achtungserfolg, der zeigt, dass Konzept und musikalische Substanz hier ineinandergreifen.
Dominum bewegen sich damit genau in jener Phase, in der eine Band vom
ambitionierten Newcomer zum ernstzunehmenden Szenefaktor werden kann.
Als Special Guest von In Extremo machten sie am Abend deutlich,
dass sie diese Bühne nicht als Nebenschauplatz betrachteten.

Der Einstieg mit dichtem Nebel, ein voll ausgeleuchteter Mond und eine konsequent durchgezogene Horror-Ästhetik setzten sofort ein klares Signal:
Hier wird nicht begleitet, hier wird eröffnet.
„Danger Danger“ erwies sich als wirkungsvoller Auftakt.
Die Band spielte druckvoll, präzise und sichtbar spielfreudig.
Dr. Dead agierte souverän zwischen Inszenierung und klassischer Frontmannrolle, ohne ins Karikaturhafte abzurutschen. Besonders „We Are Forlorn“, inklusive Weihrauchfass, zeigte, dass Dominum ihre Symbolik gezielt einsetzen, um Atmosphäre zu schaffen
und nicht um Effekte aneinanderzureihen.

Auch musikalisch funktionierte der Auftritt durchweg.
Songs wie „The Guardians of the Night“ oder das Scorpions-Cover „Rock You Like a Hurricane“ entfalteten live eine mitreißende Dynamik – getragen von einem Publikum,
das sich überraschend schnell mitreißen ließ und die Energie der Band dankbar aufnahm. Schwarze Ballons, die bei „The Chosen Ones“ durch den Raum trieben, und gezielt geschaffene Gemeinschaftsmomente wirkten nicht inszeniert, sondern entwickelten sich organisch – getragen von echter Nähe zwischen Bühne und Publikum.

Dominum präsentierten sich als geschlossener Act mit klarer Vision,
sicherem Gespür für Dramaturgie und wachsendem Selbstbewusstsein.

Fazit:
Konzept, Inszenierung und musikalische Qualität greifen inzwischen so sauber ineinander, dass Dominum sich sichtbar aus der Gimmick-Ecke herausspielt.
Die Verbindung aus stringenter Inszenierung, musikalischer Durchsetzungskraft und spürbarer Publikumsbindung verleiht der Band bereits jetzt ein eigenständiges Profil.
Was hier gezeigt wurde, wirkte geschlossen, reif und ambitioniert,
ein deutlicher Hinweis darauf, dass Dominum auf dem besten Weg sind,
sich dauerhaft im oberen Mittelfeld der Szene zu etablieren.

In Extremo – Ausnahmezustand ab dem ersten Ton
Mit dem düsteren Intro „Game of Rauhnächte" (Main Title: Game of Thrones von Ramin Djawadi) öffnete sich schließlich das Tor zur Welt von In Extremo.
Der Jubel schwoll an, noch bevor die Band vollständig sichtbar war. Dann: Explosion.

„Weckt die Toten“ ließ keine Zeit zum Ankommen. Feuerfontänen schossen im Takt empor, die Hitze rollte wie eine Wand durch den Saal. Direkt danach „Spielmannsfluch“ – und Leipzig übernahm das Kommando. Der Refrain wurde so lange weitergebrüllt, dass
Micha Rhein und seine Mitstreiter den Moment stehen lassen mussten.

Einer dieser Augenblicke, in denen Band und Publikum komplett verschmelzen.
Drei Jahrzehnte In Extremo – verdichtet, verdammt intensiv
Die Setlist war eine Reise durch 30 Jahre Bandgeschichte – klug aufgebaut, emotional ausbalanciert, ohne Leerlauf.

„Vollmond“ ließ rotes Herzkonfetti regnen, „Feuertaufe“ machte ihrem Namen pyrotechnisch alle Ehre. Besonders stark wirkten die älteren Stücke:
„Merseburger Zaubersprüche“ roh und archaisch, „Ave Maria“ in tiefrotes Licht getaucht, begleitet von dichtem Nebel.

Hier zeigte sich, warum diese Songs zeitlos sind, sie wirken nicht nostalgisch,
sondern elementar.

Bei „Mein rasend Herz“ intiierte Micha Rhein den erwarteten Knall kurzerhand durch eine alte Feuerspritze. „Katzengold“ eröffnete mit einer Funkenexplosion, während
„Lieb Vaterland“ angesichts der aktuellen Weltlage eine fast schmerzhafte Aktualität bekam.

Zwischen Gänsehaut, Grinsen und Menschlichkeit
In Extremo wären nicht In Extremo ohne ihre Kontraste.
„Feine Seele“ verwandelte die Halle in ein Meer aus Handylichtern, viele Augen geschlossen, viele Gedanken unterwegs.
Auch „Ave Maria“ sorgte – wieder einmal – für spürbare Gänsehaut.

Daneben standen die kleinen, echten Momente: eine Textspielerei bei „Nymphenzeit“,
die selbst den Frontmann zum Lachen brachte, oder die charmante Panne vor
„Werd ich am Galgen hochgezogen“, als Dr. Pymonte instinktiv zur Harfe griff.

Keine Perfektion, sondern Persönlichkeit – genau das macht diese Band so greifbar.
Finale mit Widerstand – und Erlösung
Als „Frei zu sein“ als letzter regulärer Song angekündigt wurde, folgten kollektive Buh-Rufe. Nicht aus Ablehnung, sondern aus Weigerung. Niemand wollte diesen Abend loslassen.

Die Zugaben wirkten wie eine emotionale Explosion: „Erdbeermund“, dann das unvermeidliche „Sternhagelvoll“ – Chaos aus Herzen, Luftschlangen, Konfetti und Seifenblasen. Ein Finale, das gleichzeitig feierte und verabschiedete.
Mit „Pikse Palve“ setzte die Band einen letzten, lauten Punkt unter diesen Abend.

Fazit:
Dieses Konzert war kein Jahresabschluss – es war ein Befreiungsschlag.
In Extremo bestätigten eindrucksvoll ihren Status als eine der stärksten Live-Bands dieses Landes. Nicht nur wegen Feuer und Lautstärke, sondern wegen ihrer Fähigkeit, Menschen zu verbinden, mitzunehmen und für ein paar Stunden alles andere auszublenden.

Wer 2025 mit heiserer Stimme und brennendem Herzen verabschieden wollte,
war hier goldrichtig. Ein würdiger, lauter, ehrlicher Abschluss und ein Versprechen,
dass diese Band auch nach 30 Jahren noch lange nicht am Ende ist.

©Text: Saskia Giedow-Luboch
©Fotos: Stephan Sieger
Wir bedanken uns an dieser Stelle bei
Headline Concerts für die Akkreditierung und Organisation
sowie bei LSC Security für die nette Betreuung vor Ort.





Kommentare