BETONTOD – „Wir fangen jetzt erst an“ Review: Noch lange nicht leise
Nach 36 Jahren müssen Betontod niemandem mehr beweisen, wie Punkrock für volle Hallen funktioniert. Interessanter wird das neue Album dort, wo zwischen Wut und großen Refrains plötzlich Verlust, Müdigkeit und ziemlich persönliche Erinnerungen auftauchen

Tracklist:
1. All die schönen Menschen – 3:02
2. Du killst mich – 3:24
3. Eine letzte Runde – 3:59
4. Alles für den Content – 2:59
5. Keep Calm and Carry On – 3:38
6. An deiner Seite – 3:30
7. Das schöne Leben ist vorbei – 3:31
8. Für dich – 4:03
9. Weltuntergang – 3:51
10. Küchentisch – 3:43
11. Vielleicht sind wir die Letzten – 3:21
12. Abwesenheitsnotiz – 3:10
13. Wir fangen jetzt erst an – 2:05
Veröffentlichungsdatum: 25. September 2026
Label: Betontod Records / Kontor New Media / Edel
Genre: Punkrock / Deutschpunk / Straßenpunk
Laufzeit: ca. 44:36 Min.
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Fazit der Redaktion:
„Wir fangen jetzt erst an“ ist musikalisch kein Neustart.
Betontod bleiben Betontod: breite Gitarren, große Refrains, klare Worte und genügend Stellen, an denen eine volle Halle ohne Aufforderung mitsingen dürfte.
Das Album hat deshalb auch seine vorhersehbaren Momente. „Das schöne Leben ist vorbei“ oder „Abwesenheitsnotiz“ funktionieren, hinterlassen aber deutlich weniger als die stärkeren Stücke. Auch bei einigen Refrains weiß man ziemlich früh, wohin die Reise geht.
Der Unterschied liegt diesmal woanders.
„Eine letzte Runde“, „Für dich“, „An deiner Seite“ und vor allem „Küchentisch“ lassen mehr Nähe und Verletzlichkeit zu. Daneben stehen mit „All die schönen Menschen“ und „Vielleicht sind wir die Letzten“ weiterhin jene Songs, bei denen Betontod die Faust nicht in der Tasche lassen.
Genau diese Mischung trägt das Album.
Nach 36 Jahren müssen Betontod Punkrock nicht neu erfinden. Spannender ist ohnehin, dass man einer Band mit einer solchen Geschichte noch zuhört und an einigen Stellen das Gefühl bekommt, etwas über die Menschen dahinter zu erfahren.
Der Albumtitel hat also vielleicht doch recht.
Nur eben anders, als man zunächst denkt.
"Zwischen gesellschaftlicher Wut und sehr persönlichen Erinnerungen zeigen Betontod auf
„Wir fangen jetzt erst an“, dass eine alte Punkrock-Formel
noch ziemlich viel Gefühl transportieren kann."
Was bekommen wir auf die Ohren?
„Wir fangen jetzt erst an“ ist natürlich ein Titel, den man einer jungen Band sofort abnehmen würde. Bei Betontod sieht die Sache etwas anders aus. Nach 36 Jahren Bandgeschichte klingt das zunächst wie eine dieser Durchhalteparolen, die sich hervorragend auf Shirts drucken und vor ein paar tausend Menschen brüllen lassen.
Nur ist das eben nicht die ganze Geschichte dieses Albums.
Musikalisch drehen Betontod erwartungsgemäß nicht plötzlich alles auf links. Die Gitarren stehen breit, die Refrains sind für Menschenmengen gebaut und vieles besitzt diesen bekannten Vorwärtsdrang, bei dem man schon beim ersten Durchlauf ungefähr weiß, wann die Fäuste nach oben gehen sollen.
Neu erfunden wird Punkrock hier nicht. Warum auch?
Interessanter ist, was zwischen diesen großen Momenten passiert. Denn „Wir fangen jetzt erst an“ schaut erstaunlich oft zurück. Auf gemeinsame Nächte, auf Menschen, die fehlen, auf Beziehungen und Freundschaften, auf Fehler und auf jene Plätze,
die plötzlich leer bleiben.
Dadurch bekommt der Albumtitel eine zweite Bedeutung.
Vielleicht geht es weniger darum, tatsächlich noch einmal von vorne anzufangen.
Vielleicht eher darum, trotz allem noch nicht fertig zu sein.
„All die schönen Menschen“ kommt ohne lange Vorrede
„All die schönen Menschen“ eröffnet das Album mit ordentlich Wut. Gemeint sind jene, die von Macht, Geld und Einfluss profitieren, während die Konsequenzen ihrer Entscheidungen andere tragen dürfen.
Betontod formulieren das nicht besonders kompliziert. Müssen sie auch nicht.
Der Song geht direkt nach vorne, der Refrain ist schnell verstanden und der Gesang entsprechend angepisst. Das Arrangement hält sich nicht mit Umwegen auf.
Drei Minuten, klare Ansage, nächster Song.
Gerade als Opener sitzt das sehr gut.
„Du killst mich“ verschiebt den Blick anschließend ins Private.
Eine Beziehung, die längst nicht mehr guttut, aus der man aber trotzdem nicht herauskommt. Der Song lebt von dieser Mischung aus Wut und Abhängigkeit.
Musikalisch ist das sehr klassischer Betontod. Breite Gitarren, griffiger Refrain, viel Druck. Vielleicht sogar ein bisschen zu sauber produziert. Trotzdem funktioniert die Nummer, weil der Wechsel vom gesellschaftlichen Rundumschlag zum persönlichen Konflikt früh zeigt, dass dieses Album nicht nur in eine Richtung läuft.
Eine letzte Runde ist irgendwann wirklich die letzte
„Eine letzte Runde“ könnte vom Titel her problemlos das
nächste Betontod-Kneipenlied sein.
Ist es aber nicht.
Natürlich gibt es gemeinsame Nächte und dieses Gefühl, mit den richtigen Leuten noch einen trinken zu wollen. Doch über allem liegt Abschied. Die letzte Runde wird dadurch nicht zum Partyaufruf, sondern zu einem Moment, den man gerne noch einmal festhalten würde.
Der Refrain ist groß und auf Gemeinschaft gebaut, bekommt durch diesen Hintergrund aber eine andere Wirkung. Hier wird nicht einfach Freundschaft besungen.
Es geht um die Erkenntnis, dass gemeinsame Zeit endlich ist.
Das ist ein ziemlich kleiner Unterschied auf dem Papier – im Song macht er viel aus.
Alles für den Algorithmus
Mit „Alles für den Content“ wird es anschließend deutlich bissiger und lustiger.
Selbstvermarktung, Aufmerksamkeitssucht, Algorithmen und die Frage, ob Kunst inzwischen überhaupt noch stattfinden darf, wenn niemand daraus einen Clip für irgendeinen Feed produziert – Betontod schießen hier ziemlich offensichtlich gegen die Mechanismen sozialer Medien.
Subtil ist das nicht. Soll es auch gar nicht sein.
Der Refrain nervt beinahe absichtlich und bleibt genau deshalb hängen.
Dazu ein schneller Punkrock-Unterbau, ein bisschen Rotzigkeit und fertig ist die Nummer.
Der tiefste Song des Albums? Sicher nicht.
Aber nach „Eine letzte Runde“ ist dieser kleine Tritt gegen den Content-Zirkus genau richtig.
Wenn der nächste Morgen schon ein Erfolg ist
„Keep Calm and Carry On“ klingt vom Titel zunächst beinahe leichtfüßig.
Inhaltlich wird es deutlich schwerer.
Sucht, Absturz und Hilfe stehen im Raum. Dabei geht es weniger um große Lösungen als um den nächsten Schritt. Manchmal reicht es eben schon, den nächsten Tag zu erreichen.
Betontod machen daraus einen hymnischen Punkrock-Song, ohne das Thema komplett weichzuspülen. Der Refrain spendet Trost, bleibt aber weit genug von einer
einfachen „Kopf hoch“-Botschaft entfernt.
„An deiner Seite“ führt diesen Gedanken weiter.
Hier geht es um Beistand, darum, jemanden auch durch schwere Zeiten zu begleiten und nicht zu verschwinden, sobald es unangenehm wird.
Der Refrain ist sehr Betontod. Groß, direkt und zum gemeinsamen Singen gebaut.
Man kennt diese Sprache von der Band. In diesem Zusammenhang passt sie aber.
Beide Songs gehören zu jener Seite des Albums, die weniger wütend als solidarisch klingt.
Ein bisschen Weltuntergang darf Spaß machen
Nicht jede Nummer muss schwer auf den Schultern liegen.
„Das schöne Leben ist vorbei“ blickt ironisch auf Krise, Verzicht, Wohlstand und die kleinen Luxusprobleme dazwischen. Der Refrain rutscht dabei fast ein wenig in
Richtung Schlager im Punkrock-Gewand.
Kann man mögen. Muss man nicht.
Als Auflockerung funktioniert der Song, besonders nachhaltig ist er allerdings nicht.
Deutlich mehr bleibt von „Für dich“ hängen.
Eine Liebeserklärung, die auch eigene Fehler und verpasste Momente zulässt.
Betontod formulieren hier nicht besonders verklausuliert.
Jemand bedeutet einem viel – also sagt man es.
Manchmal reicht das.
Der Song wird balladesker, behält aber genug Druck, um nicht völlig aus dem Album zu fallen. Gerade die Direktheit macht ihn glaubwürdig.
„Weltuntergang“ verbindet anschließend beide Seiten der Platte.
Alles kann gerade ziemlich beschissen aussehen
– wenn der richtige Mensch neben einem steht, lässt sich notfalls eben trotzdem tanzen.
Einfach? Ja.
„Küchentisch“ braucht keine erhobene Faust
Dann kommt „Küchentisch“.
Und plötzlich braucht dieses Album weder große Parolen noch besonders breite Gitarren.
Der Song erzählt von Verlust, Erinnerung und einem Ort, an dem jemand fehlt.
Ein Küchentisch ist dafür eigentlich ein banales Bild. Genau deshalb funktioniert es. Zuhause, Gespräche, Familie oder Wahlfamilie – und irgendwann bleibt dort ein Platz leer.
Betontod versuchen nicht, daraus große Poesie zu machen.
Das wäre wahrscheinlich sogar der falsche Weg gewesen.
Der Gesang wirkt verletzlicher, das Arrangement hält sich zurück und der Refrain trifft,
ohne laut werden zu müssen.
Für mich ist das der stärkste Text des Albums und einer dieser Songs, bei denen die lange Bandgeschichte plötzlich eine Rolle spielt.
Nach 36 Jahren gibt es zwangsläufig Menschen, Nächte und Geschichten,
die nicht mehr zurückkommen.
„Küchentisch“ lässt diesen Gedanken einfach stehen.
Sind wir wirklich die Letzten?
Nach diesem sehr persönlichen Moment richtet „Vielleicht sind wir die Letzten“ den Blick wieder nach draußen.
Politische Enttäuschung, Krisen, leere Versprechen, Lobbyinteressen und die Frage, wer überhaupt noch dagegenhält – Betontod werden wieder kämpferischer.
Der Refrain ist wirkungsvoll, vielleicht auch ein wenig plakativ.
Aber Plakativität war im Punkrock noch nie automatisch ein Fehler.
Musikalisch gibt es entsprechend wenig Schnickschnack.
Robuste Gitarren, Druck nach vorne, klare Botschaft.
„Abwesenheitsnotiz“ ist danach wesentlich leichter.
Einfach mal nicht erreichbar sein, den Alltag und die Erwartungen draußen lassen.
Ein kleiner Fluchtsong mit sehr einfachem Refrain.
Das macht Spaß, bleibt aber auch genau das: eine kurze Verschnaufpause.
Zwei Minuten reichen für den Schlusspunkt
Und dann ist da noch „Wir fangen jetzt erst an“.
Gerade einmal 2:05 Minuten braucht der Titeltrack.
Keine große Abschlussballade, kein künstlich aufgeblasenes Finale.
Nacht, Zusammenhalt, die Lichter gehen irgendwann aus
– und trotzdem soll es weitergehen.
Nach allem, was vorher auf diesem Album passiert ist, funktioniert dieser Satz
plötzlich besser als zu Beginn.
„Wir fangen jetzt erst an“ bedeutet nach 36 Jahren eben nicht,
dass Betontod ihre Vergangenheit vergessen.
Eher das Gegenteil. Die Platte trägt ziemlich viel davon mit sich herum.
Der Titel wird dadurch weniger zur Durchhalteparole als zum gemeinsamen Schwur:
Wir sind noch hier.
Mehr muss der letzte Song gar nicht sagen.
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